Bevor ich mich gleich total emotional äußere, möchte ich vorab sagen, dass der folgende Text natürlich überspitzt ist und es nicht verallgemeinert werden kann. Er basiert auf Beobachtungen der letzten Monate. Ein bisschen Ironie, Satire und Sarkasmus wird sicherlich auch verpackt sein, ich sehe mich jedoch nicht gezwungen, dies gesondert zu markieren. Ihr seid vorgewarnt, wenn es passiert, werdet ihr es nicht bemerken. So, und da wir das nun geklärt haben, habe ich eine Frage an euch alle: Sagt mal, tickt ihr noch ganz richtig? Oh ja, jetzt kommen sie wieder, diese bösen Worte auf die Gesellschaft. Ich höre mich alt und verbittert an, weil ich Kritik äußere. Ich bin nicht fly genug, um die Jugend zu verstehen. Ey, ich bin f*cking 27, ich kann doch nicht der einzige Mensch auf der Welt sein, der noch Danke sagt. 

Der Bus fährt ein. Ich stelle mich neben die Tür und warte bis alle ausgestiegen sind. Möglichst nicht im Weg stehen, damit alle in Ruhe aussteigen können. Ein Mann im Rollstuhl hat die Rampe angefordert. Ich warte geduldig, während er aus dem Bus rollt. Doch alle drängen sich in den Bus, noch bevor die Aussteiger raus sind. „Hauptsache ich bekomme einen Sitzplatz vor den anderen“, sind wohl die Gedanken. Als ich vor sechs Jahren nach Wiesbaden kam, schockierte mich dieser Egoismus. Ich kannte das nicht. In der Kleinstadt, in der ich groß geworden bin, wusste sofort jeder Bescheid, wenn du dich asozial verhalten hast. Diese böse Großstadt. Wie gerne würde ich sagen, dass es einfach immer schon so war. Leider wäre das eine halbwahre Lüge.

Es wird schlimmer. Der Egoismus der Menschen wächst gefühlt täglich und das Mindeshaltbarkeitsdatum der Empathie ist schon lange überschritten worden. Manchmal gleicht die Fahrt mit dem Bus einem Football-Spiel. Menschen quetschen sich irgendwo rein, wo eigentlich kein Platz mehr ist. Im Bus ist nur Platz für drei Kinderwagen, aber hey, ein vierter passt locker rein, dafür müssen nur sechs Leute aussteigen. Und wehe du steigst nicht aus, dann bist du direkt ein Kinderhasser. Ich habe mittlerweile vergessen, wie es ist, in einer Kleinstadt zu leben. Es ist befremdlich, wenn ich meine Familie besuche und auf der Hauptstraße ein Mensch geht. Man ist zu viel gewohnt und erwartet, dass man im Gehen umgeschubst wird.

Heute vor dem Hauptbahnhof stand ein Youtube-Star. Ich habe leider bei diesen ganzen Vloggern vergessen, wer das ist. Kreischende Mädchen drücken sie gegen das Geländer zur Unterführung und wollen ein Autogramm. Kennt noch wer Tokio Hotel? So war das damals auch. Das war vor 10 Jahren, aber die Kinder, meine Generation, waren damals genauso am rumkreischen. Vielleicht habe ich mittlerweile gelernt, geduldiger zu sein. Muss man denn so panisch ausrasten? Mama, bin ich früher auch so ausgerastet, als meine Lieblingsbands vor mir standen? Ich weiß es nicht mehr. Es ist eine neue Zeit. Der arme Youtube-Star bekam keine Luft, Security gab es nicht. Ich hab kurz überlegt, ob ich helfen soll. Doch der Großstadt-Egoismus überkam mich: „Ist nicht mein Problem“, also wird es ignoriert. Vermutlich ist genau diese Einstellung Schuld daran, dass ich auf immer weniger Menschen mit Empathie treffe (vielleicht liegt es auch einfach nur an Wiesbaden).

Gestern Abend haben sich welche an der Bushaltestelle angeschrien, ja fast geprügelt. Der Grund dafür war, dass der eine zu nah am Pärchen stand. Sie rasten total aus. Zum Glück dachte der Typ genauso wie ich und antwortete total ruhig: „Chillt mal eure Basis“. Ist euch das auch schon mal aufgefallen? Die Leute rasten zur Zeit total aus. Wegen jedes kleine bisschen wird man angemacht. Letztens stieg ich aus dem Bus, schaute nach hinten und schwang dann meine Sporttasche auf den Rücken, sicher, niemanden getroffen zu haben. Plötzlich kam einer an und wollte mich fast verprügeln, weil ich ihn getroffen hätte (davon mal abgesehen, dass man es merkt, wenn man jemanden trifft). Er ist, und das war ehrlich so, zwei Meter neben mir gelaufen. Ich entschuldige mich und er so: „Pass besser auf, sonst hast du mal eine Faust in der Fresse“. Ich guck ihn an: „Yo, chill. Ich hab mich entschuldigt. Ist doch okay, mensch.“.

Und das ist vor wenigen Monaten so extrem schlimm geworden, oder es fällt mir jetzt besonders auf, weil ich nicht mehr studiere und nicht mehr so leichtfüßig lebe. Wenige Monate umfasst ungefähr 2015 bis heute. Man wird spießig, wenn man arbeitet, das habe ich auch gelernt. Ich meine, ich sitze den ganzen Tag auf der Arbeit. Es macht Spaß. Aber dann sitzt man in den öffentlichen Verkehrsmitteln und erlebt jedes Mal wieder ein neues Abenteuer. Da ist wieder diese Frau mit dem Kinderwagen, für die man Platz macht, aber die immer genau dahin will, wo man steht, obwohl daneben Platz für zwei weitere Wagen ist. Man wird dumm angemacht, weil man den Platz belegen würde. Ich könnte mich ja hinsetzen. Ja, sorry. Ich setze mich im Bus ungern hin, aber ich kann dir gerne vor die Füß k*tzen, weil mir beim Bus fahren im Sitzen schlecht wird. Ich kann mich aber auch gerne anschnauzen lassen, weil ich älteren und hilfsbedürftigen Menschen den Sitzplatz genommen habe. Sagt mal, spinnt ihr eigentlich?

Sowieso, das benehmen in öffentlichen Verkehrsmitteln ist ein graus. Nachts mit dem Bus von Mainz nach Wiesbaden fahren, ist immer ein Geruchspektakel. Wenn neben dir nicht gerade welche mit der übelsten aller Alk-Fahnen stehen, dann k*tzt einer in den Bus. Ja. In den f*cking Bus! Da sind wir sowieso schon wieder bei meinem Lieblingsthema: Alkohol.

Wann ist es eigentlich cool geworden, hacke dicht zu sein? Heute im Bus, es war gegen 13 Uhr, da sitzen vier Jugendliche, ich vermute Studenten, und sind noch total betrunken von der letzten Party. „Yo, ich will saufen, lass mal zur Bank. Ich trink kurz Wasser, aber nicht viel, will saufen“. Ja, dann geh saufen und töte die letzten deiner Gehirnzellen ab. Wieso gehört es neuerdings zum guten Ton, wenn man sagt, wie oft man den totalen Absturz erlebt hat? „Ich war schon dreimal im Krankenhaus, wegen eines totalen Blackouts.“ – „Krass, ich zweimal, aber einmal hat meine Leber versagt.“ Super. Bekommt man dafür einen Orden oder eine Urkunde? Die Teilnehmer-Urkunde für besonders bescheuertes Verhalten mit Alkohol.

Zu meiner Zeit wollten die Teenies noch Popstars werden. Heute lieben alle die obdachlosen Alkoholiker (oder Youtube Stars). Hört ihr eigentlich noch, wer da hämmert? Scheinbar ist der Leistungsdruck auf die Jugend so groß, dass die sich jegliche Drogen durch den Körper ziehen müssen. Von wegen Berliner Abiturienten sind Flaschen mit ihrem 1er-Abi. Wobei Flasche vielleicht nicht das richtige Wort in dem Zusammenhang ist.

Ein Kumpel meinte letztens, dass er eine 16-jährige im Laden bedient hat. Er selbst ist Mitte 20. Sie sah wohl aus wie Anfang 30. Was zur Hölle ist mit der Jugend bitte los? Ich meine, ich hab den scheiß auch mitgemacht. Aber die Kinder heute sind so frühreif, total verklemmt und gleichzeitig die größten Arschlöcher auf dem Planeten. Wann hat dieser Absturz der Gesellschaft eigentlich begonnen? Es ist im Übrigen nicht nur die Jugend, muss ich gestehen. Da muss ich jetzt mal eine Lanze brechen (für die ich schon so oft eine Lanze brechen musste. Oder zwei. Oder 100).

Im vergangenen Jahr gab es eine Abteilungsfeier in meinem damaligen Unternehmen. Ich bin nun wahrlich nicht der partyfreudigste Mensch auf diesem Planeten, aber die Abrissfeier wollte ich mitmachen (die Abteilung wurde aufgelöst). Als ich beim Anstoßen meinte, dass ich keinen Alkohol trinken würde, kam direkt die halbe Belegschaft, fasste mir an den Bauch und beglückwünschte mich. „Äh, nee. Also, ja ich bin dick, aber nein, ich bin nicht schwanger. Ich trinke einfach keinen Alkohol, weil der mir nicht schmeckt“. Diese entsetzten Gesichter, als hätte ich gerade den Führer lobgepriesen, werde ich nicht vergessen. Offenbar ist es in der heutigen Gesellschaft seltsam, dass man keinen Alkohol trinkt. Man wird direkt ausgegrenzt. Früher war es andersrum. Man fühlt sich plötzlich schlecht, weil man keinen Alkohol trinkt. Vielleicht muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass es mir im Grunde egal ist, ob sich die Leute die Birne wegsaufen oder nicht. Nur fände ich es toll, weil besorgt um das Wohl aller, wenn ihr mal das richtige Maß kennen würdet. Nein, man braucht keinen Alk um lustig zu sein. Man kann sich gerne mal was zum Feierabend gönnen. Aber diese Komaparties gehen mir seit über einem Jahrzehnt tierisch auf den Geist.

Wenn auf der Firmenweihnachtsfeier angekündigt wird, dass man sich als Belohnung für die tolle Arbeit der letzten Monate, nun bitte die Birne wegsaufen soll, finde ich das ein falsches Signal. Wenn man in einer Location ist, und es keine alkoholfreien Getränke gibt, läuft noch viel mehr falsch. Es wird quasi provoziert, dass die Leute alkoholisiert Auto fahren. Oder vielleicht sind das alles Vertreter der Pharmaindustrie. Die will uns ja sowieso alle töten.

Wie eingangs erwähnt. Dieser Text ist überspitzt und soll nicht der Verallgemeinerung dienen. Irgendwo am Ende und zwischendrin ist auch ein (oder zwei) Augenzwinkern versteckt. Aber … wacht endlich auf. Mal politisch abgesehen, läuft gesellschaftlich doch schon nicht alles Rund in unserer Gesellschaft. Die Grenze kennen, heißt, anhalten und nicht drüber steigen.

Und bitte, nehmt eine Mülltüte mit und kotzt nicht in den ganzen Bus (wahlweise auch jedes andere öffentliche Verkehrsmittel). Danke. Prost.

Hauptsache ist doch, Alessio geht es gut.