Da war es nun, das erste Semester. Ganz offiziell. Kein Mathe-Vorkurs mehr, der mir das Gehirn verdrehen sollte; keine Langeweile mehr. Wenn ich mich recht erinnere muss es irgendwann Anfang Oktober gewesen sein, gegen 10 Uhr, als wir zur großen Einführungsveranstaltung in die Räumlichkeiten der Medieninformatik geladen wurden. Ich weiß noch, dass ich die grasgrünen Wände direkt ins Herz geschlossen habe. Das Gebäude selbst ist Teil des Media-Campus, und war früher mal das ZDF Sportstudio.

Ein Tisch gedeckt mit roten Plastikbeuteln. Zwei Frauen begrüßten die neuen Studierenden vor Raum 11. Ich konnte es noch gar nicht glauben, mit Entgegennahme des Plastikbeutels würde ich nun wirklich studieren. Kein Traum mehr, das Abenteuer sollte beginnen. 

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Das Gebäude der Medieninformatik (Stand 11/2011)

Die Einführungswoche

Zunächst wurden wir von alle Dozenten und Professoren begrüßt. Jeder stellte sich persönlich den Studierenden vor, privat und beruflich. Und dann ging es bereits los: Gruppenwahl. Alphabetisch sollten wir vortreten und mussten einen Zettel ziehen auf dem ein Buchstabe von A bis D stand. Ich glaub, ich war Gruppe C. Diese Gruppen sollten uns den Einstieg erleichtern, schließlich entschieden sie, welche Übungsgruppen wir sein würden.

Die erste Woche war etwas anders, als es der Stundenplan vorgesehen hatte. Nach der Einführungsveranstaltung sollte es nämlich weitergehen mit der Vorstellung. Zunächst sollten die Gruppen separat mit ihrem Betreuer zusammen kommen und sich kennen lernen. Unsere Gruppe ging zu einem Brunnen. Unser Dozent stellte sich nochmal kurz vor und forderte uns auf, uns der Reihe nach vorzustellen. Die Freundin, Mary, aus dem Mathe-Vorkurs war ebenfalls in der Gruppe. Ich weiß noch, wie ich entspannt rumstand und geduldig abwartete, bis ich dran war. Wir sollten sagen, wer wir sind und welche Ziele wir mit dem Studium verfolgen. Ich erzählte davon, dass ich eine gestalterische Ausbildung gemacht habe,  ursprünglich Kommunikationsdesign studieren wollte und als großes Ziel bereits mit der Ausbildung hatte: Web-Programmierung besser zu verstehen. Ein weiteres Mädel, Freya, die später zu meiner Studi-Gruppe gehören sollte, blieb mir direkt im Gedächtnis. Sie ist eine Gamerin und wollte unbedingt eines Tages Spiele programmieren. Das fand ich faszinierend, wollte ich ja nur studieren, um Web-Programmierung besser kennen zu lernen.

Umhängetasche Hochschule RheinMain 2010

Umhängetasche Hochschule RheinMain 2010

Nach dieser Runde sollten wir von Studierenden des dritten Fachsemesters über den Campus geführt werden. Warum das dritte Semester? Man kann sich für die Medieninformatik nur einmal im Jahr einschreiben. Das heißt, man hat entweder offiziell Erst-, Dritt- und Fünfsemestler oder Zweit-, Viert- und Sechst-Semestler. Das sich das alles aufgrund der unterschiedlichen Fortschritte inoffiziell unterscheidet, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht noch als Randnotiz: Die Regelstudienzeit des Bachelorstudiengangs Medieninformatik beläuft sich auf sechs Semester. Noch hatte ich das Ziel, nach drei Jahren fertig zu sein. Noch.

Die kommenden Tage verliefen relativ entspannt und wir hatten früh Feierabend. Der Dienstag später sollte ein Horrortag werden, da hier der Mathetag sein würde. In der ersten Woche hatten wir allerdings um 13:15 Uhr Schluss, was nach fünf Stunden Mathe eine Erlösung war. An den Rest der Woche kann ich mich tatsächlich nicht mehr erinnern, abgesehen von der Begrüßungsfeier durch den Hochschulpräsidenten.

Die Begrüßungsfeier

Jeder Studiengang bekam am Eingang des Wiesbadener Schlachthof (ein Kulturzentrum) einen farblichen Punkt. Ich weiß gar nicht mehr, ob die Medieninformatiker grün oder rot waren. Jedenfalls klebte ich mir den Punkt, verrückt wie ich damals war, auf die Stirn. Die Halle des Schlachthofs war gefüllt mit einem Haufen an unbekannten Leuten und meine Platzangst und Klaustrophobie meldeten sich. Ich nahm mir ein Glas kostenlosen O-Saft und versuchte mich abzulenken. Am Rand der Halle hatte der AStA und das Studentenwerk je einen Stand aufbereitet und verteilten einige Werbeartikel.

Es wurde viel geredet, vom Präsidenten, von Studierenden … allgemein von sehr vielen unbekannten Menschen, die uns mit Anekdoten und Reden als Studierende an ihrer Hochschule Willkommen heißen wollten. Ich erinnere mich sogar noch, dass ein Auslandsstudent für irgendwas ausgezeichnet wurde. Die Feierlichkeiten im Anschluss verließ unsere Gruppe recht schnell. Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen, noch ein paar Snacks mit zunehmen. Brezeln … ich wunder mich bis heute, wie sowas Trend werden konnte.

Das erste Semester

So genug geredet und schön, dass ihr so lang noch durchgehalten habt. Die erste richtige Woche startete Montagmorgen um 11:45 Uhr, als wir mit Einführung in die Gestaltung eines meiner späteren Lieblingsfächer hatten. Vollkommen entspannt, die Woche so spät zu beginnen, leider sollte sich das in den folgenden Semestern ändern. Die ersten Wochen, als ich noch nicht viel mit den anderen Studenten unternommen habe, fuhr ich in der Mittagspause zurück ins Wohnheim, kochte Essen und fuhr wieder zurück. Später nutzte ich die knapp drei Stunden, um an Projekten zu arbeiten. Von den Vorlesungszeiten her, war das erste Semester jenes, bei dem ich, zumindest montags, am spätesten heim kam. Highlight der Woche war der Donnerstag, der standardmäßig immer frei war. Diesen Luxus hatte ich im Übrigen in folgenden Semestern auch nicht mehr.

selbst gestalteter Stundenplan Wintersemester 2010/11

selbst gestalteter Stundenplan Wintersemester 2010/11

Infos zum Studiengang allgemein

Die Informatik-Fächer, Einführung in die Medieninformatik und Programmieren 1, sollten mich das erste Mal daran zweifeln lassen, den richtigen Studiengang gewählt zu haben. Mein größtes Problem im ersten Semester war, dass ich mich an die falschen Studenten wandte. Zwei Mädels waren in meiner Gruppe, mit denen ich gut klar kam. Wir wurden eine Projektgruppe. Doch das Problem war, dass die beiden recht schnell merkten, dass der Studiengang nichts für sie war und so zogen sie mich mit ihrer Meinung direkt mit runter. Genau wie sie, verstand ich das wenigste in der Informatik (ist im Übrigen noch heute so) und ließ mich runterziehen. In mein Tagebuch schrieb ich: „Ich muss mich dran setzen und meine Mappe gestalten, damit ich mich für Kommunikationsdesign bewerben kann. Weg von der MI und weg von dem ganzen Informatik-Scheiß.“ Harsche Worte, aber die beschrieben ungefähr mein Gefühl der ersten Monate.

Schneechaos in Wiesbaden 2010

Schneechaos in Wiesbaden 2010

Gegen Ende des Studiums formte sich dann die 5er-Gruppe, mit der ich bis Ende des Studiums zusammen bleiben sollte. Doch bis dahin stand noch ein ganz anderes Thema auf der Agenda: Winter. Jenni, einer meiner drei damaligen WG Mitbewohner (die aus Halle), meinte mal, dass es in Wiesbaden fast nie schneien würde. Ich war voll enttäuscht, weil ich Schnee liebe. In den zwei Jahren, die sie bereits dort lebte, hätte es nie richtig geschneit. Doch das, was ich in meinem ersten Semester erleben sollte, war alles andere als fast nie schneien. In einer E-Mail an meine Familie schrieb ich:

Schneeige Grüße aus dem RheinMain Gebiet. Es ist der Wahnsinn, wie schnell sich das Wetter doch ändert. Ich weiß noch, wie im Oktober alles übertrieben warm war. Mit Temperaturen fast an die 20 Grad und alle dachten, die Erderwärmung ist jetzt da.

Nichts da, dachte sich Peterchen Frost und erwachte mal früher aus seinem Schlaf, im Gegensatz zu den letzten Jahren.

Mit dem plötzlichen Wintereinbruch folgte auch eine Pechsträhne. Nicht ganz drei Monate in Wiesbaden und da wurde ich im Bus beklaut. Meine Geldbörse war weg. Zwar war kein Geld drin, aber mein Leben: Ausweis, StudentCard, EC-Karte, Krankenkassenkarte, Blutspendeausweis, Glücksmünzen. Nicht zu vergessen, dass es einen sehr großen emotionalen Wert für mich hatte. Alles war weg. Ich konnte mich nicht mehr ausweisen, kam an kein Geld. So führte mich dieses Ereignisse das erste Mal zur Wiesbadener Polizei (die ich im Laufe meines Studiums noch mehrmals treffen oder aufsuchen sollte). Am nächsten Tag wollte ich alles neu beantragen, musste mir Bustickets kaufen, habe mir Geld von meiner Mitbewohnerin geliehen, musste Geld tauschen, nach dem der Busfahrer den Geldschein in Zwei teilte.

Es war partout nicht meine Woche. Im Bürgeramt konnten sie keinen neuen Ausweis beantragen, weil sie erst einen Datenabgleich mit meiner alten Heimat machen mussten. Das war mit das schlimmste, dass ich mich nicht ausweisen konnte. Habt ihr euch schon mal Gedanken gemacht, was ihr alles nicht könnt, wenn ihr keinen Ausweis habt? Man kann sich bei einer Anzeige nicht ausweisen, man kann kein Bankkonto eröffnen, man kann sich nicht ausweisen, wenn man eine neuen StudentCard beantragen will. Es passte alles. Der unglückliche Start ins Studium mit den falschen Leuten in der Projektgruppe, das Wetter und der Diebstahl. Die Kosten der Neubeschaffung lagen bei irgendwas um die 80-100 EUR. Ich musste mir den neuen Personalausweis beantragen, der nochmal teurer war, als der alte.

Leute, wenn ihr eine Geldbörse klaut: Nehmt das Geld und BITTE bringt die Geldbörse zur Polizei oder gebt sie dem Besitzer zurück. Das macht echt keinen Spaß.

plaetzchenbacken-im-wohnheim

Irgendwie überstand ich das alles, auch wenn ich mich an dieses Gefühl noch immer schwach erinnern kann. Das Leben im Wohnheim indes war entspannt. Jenni und ich kochten viel zusammen und so kam es, dass wir zum ersten Advent das erste Mal gemeinsam Plätzchen gebacken haben. Fast jeden Abend saß ich bei ihr im Zimmer und wir haben einfach nur zusammen gequatscht. Kate, eine Kommunikationsdesign-Studentin aus dem Nachbarhaus, war auch oft bei uns. Ich hab in den ersten Monaten und Jahren des Studiums so viele Brettspiele gespielt, wie früher als Kind.

In dem Winter war ich das erste Mal auf dem Wiesbadener Sternschnuppenmarkt, dem hiesigen Weihnachtsmarkt. Mit diesem Besuch sollte ich das Verlangen nach Weihnachtsmarkt-Tassen entfachen. Mehrmals und mit unterschiedlichen Gruppen, besuchten wir den Marktplatz und gönnten uns heiße Schokolade, Glühwein oder Crépes.

Schnee am Warmen Damm in Wiesbaden 2010

Schnee am Warmen Damm in Wiesbaden 12/2010

Den Jahreswechsel verbrachte ich bei meiner Familie. Das letzte Mal, dass ich (bis dato) Silvester mit ihnen verbringen sollte. Zurück in Wiesbaden ging es langsam mit der heißen Phase los. Die letzten Projekte und Abgaben standen an. Ende Januar folgte die letzte Vorlesung ehe die Prüfungsphase startete. Und was war das für ein Drama. Zum ersten Mal begriff ich, was es heißt ein komplettes Semester in kürzester Zeit ins Gehirn zu hämmern. Es sollte sich später das Wort Bulimie-Lernen festsetzen. Im Fach Gestaltung mussten wir bis Ende Februar ein Booklet abgeben, als ein mehrseitiges Buch, als Zusammenfassung des Semesters inklusiver kleinerer Aufgaben aus jeder Übungsstunde. In den anderen Fächern erfolgte eine schriftliche Klausur. Ich frag mich bis heute, wie ich Fächer wie BWL oder Analysis meistern konnte.

Jede Woche eine andere Klausur. Verglichen mit anderen Studiengängen, war das schon Luxus, den Studenten so viel Zeit zum lernen zu geben (hab gehört, dass andere Studiengänge auch gerne zwei Klausuren an einem Tag schreiben lassen). Danke an dieser Stelle an unsere Profs, dass sie so einen gnädigen Prüfungsplan erstellt haben.

Welche Klausur die letzte war, weiß ich gar nicht mehr, nur, dass wir gerade Mal drei Wochen hatten, ehe das nächste Semester, Sommersemester 2011, starten sollte. Unfair, dass die Semesterferien so kurz waren. In den Ferien erfuhren wir auch nach und nach unsere Noten. Ich musste das erste Mal lernen, was es bedeutete, durch eine Prüfung zu fallen. Ausgerechnet Programmieren 1, was der Grund war, weswegen ich fast aufhören wollte zu studieren, hatte ich nicht bestanden. Wieder kamen Zweifel auf, aber sie wurden schnell zerschlagen, denn meine Truppe munterte mich auf und kündigte an, dass wir eine Lerngruppe für das 2. Semester bilden würden. Okay, 2. Semester, ich komme!

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Mein Zimmer im Wohnheim 2010

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