Happy Coming Out Day 2020

Happy Coming Out Day 2020!

Streng genommen begann mein Coming Out mit 8 Jahren, als ich erstmals als „lesbisch“ von Mitschülerinnen beschimpft wurde, ohne zu wissen, was das Wort bedeutete. Danach kam eine Phase der Verdrängung. Zwischendurch stellte ich mich immer wieder infrage, als ich bemerkt hatte, Gefühle für andere Mädchen zu haben. Schule. Sportverein. Internet.

Ich leugnete es wirklich sehr lang, obwohl es mir ja eigentlich immer schon klar war. Floh dann in die A-Sexualität, damit niemand mehr mit Fragen nach „Hast du einen Freund“ um die Ecke kam und ich meine Existenz wieder infrage stellte. Es dauerte also bis Ende 2018 (ich sah über Weihnachten die 6. und 7. Staffel von „Once Upon A Time„), als ich final begann, mich selbst zu hinterfragen, nachdem ich mich so weit von mir selbst entfernt hatte, dass ich mich selbst nicht wiedererkannte. Es folgten Monate der Struggles, die teilweise in eine depressive Richtung gingen. Mental Health und Selfcare lernte ich in der Zeit kennen.

Als ich im Juni 2019 ein Buch in der Hand hielt („Traumtänzerin“ von Alicia Zett), dass meine psychischen Probleme zu diesem Zeitpunkt erneut anzweifelte. Gleichzeitig begann mit diesem Buch eine komplett andere Selbstfindungsphase. In den folgenden Monaten labelte ich mich mit allem und fühlte mich dort nur zeitweise wohl. Ich wusste nicht mehr, wer ich war und suchte nach meinem Platz. A-Sexuell passte nicht mehr zu mir. Ich wusste, dass es nur mein Deckmantel war, damit mich niemand verletzen konnte.

Bi-Romantisch Bi-Sexuell.
Homo-Romantisch Bi-Sexuell.
Homo-Romantisch Demi-Sexuell.
Homo-Romantisch Queer.
Queer.

Das Label „lesbisch“ schob ich immer vor mir her, obwohl es immer lauter wurde. Aber zu tief saß der Schmerz aus der Schulzeit. Ich wollte nur normal sein und nicht eklig, pervers oder nicht liebenswert.

Es dauerte bis Mai 2020, ehe ich mich mit dem Label „Lesbe“ beschäftigte. Es brauchte TikTok und Wynonna Earp, bis ich final verstand, wer ich sein möchte. Wer ich bin.

Heute bin ich lesbisch und stolz drauf. Aber es brauchte die Zeit, die es brauchte.

Labels stecken einen in Schubladen. Schubladen sind gefährlich, weil dadurch Stigmata und Klischees entstehen, die Menschen nicht gerecht werden und vorverurteilen. Labels können aber im Selbstfindungsprozess unglaublich wichtig sein. Das musste ich lernen. Genauso, dass jeder Mensch sich neu labeln kann. Deine Sexualität ist nicht in Stein gemeißelt. Es ist fluid. Du kannst dich genauso über 10 Jahre als ACE labeln und danach ein anderes Label finden. Oder keines.

Wer du bist, bestimmst du. Gib dir die Zeit, die du brauchst, um dich selbst zu finden. Und wenn du jemanden triffst, der*die ähnliche Struggle hat: Nimm die Person an die Hand. Sei eine Stütze und bestimme nicht, wer die Person zu sein hat, sondern hilf ihr, rauszufinden, wer sie ist.

Im Übrigen wurde dieser Tag erstmals 1988 in den USA begangen. Nur so als Unnützes Wissen für deinen internen Speicher.

Ich habe zu dem Thema auf Youtube eine Reihe gestartet. Die Playlist zu „meine Coming Out Story“ findet ihr hier: Meine Coming Out Story.